Wozu Poesie

 

 

Poesie  vermag es, über Sprache die Welt zu ergründen. Sie kann trösten, Kraftquell sein und aktivieren, sie ist widerständig und überrascht mit neuen Sichten auf die Welt und die Dinge. Es geht ihr um Veränderung, Rückgewinnung, sozusagen um das „Auftauen“ von Wörtern. Jede Spracharbeit ist politisch, weil sie eingefahrene Denkmuster zerstört, und Klischees und feste Vorstellungen sind für die Gesellschaft schädlich. Kunst und insbesondere die Dichtkunst ist das Gegenmittel.

Gerade in der zeitgenössischen Lyrik öffnet sich die Sprache auf eine einzigartige Weise und in dieser ästhetischen Verdichtung und Reduktion kann sie auch einer jüngeren Generation Bilder und Antworten geben in einer Welt, die sich durch Überreizung und zugleich Redundanz zunehmend zu verlieren droht. Es sind Stimmen aus der Gegenwart in die Gegenwart, die hier erhört werden können.

 

Wozu Poesie? Befreit vom Verdikt des “um-zu” kann Selbstbegegnung stattfinden

 

Die Lyrik hat nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit, sondern sie ist immer zweckfrei, dient keinem „um zu“, sondern ist um ihrer selbst willen da, wie so Vieles, worauf es in Wahrheit ankommt. Lyrik und ihre Rezeption setzt ein Innehalten, ein sich Befreien vom Funktionieren-Müssen voraus. In ihr kommt es entscheidend auf die innere Aktivität des Lesers an, der in der Poesie in die Zwischenräume eintreten kann, wieder zum Unsagbaren durchstoßen kann. In jenem Augenblick dann wartet im Gedicht ein Augenblick der Selbstbegegnung.

Wollen, Funktionieren und Handeln schweigen im Moment des Innehaltens bei der Lektüre eines Gedichts, wie in einer „aktiven Pause“, die keine Leere ist, sondern eine Möglichkeit

 

 

 

wieder die eigene, stimmlos gewordene Stimme zu hören, selbst- vergessen zu sich selbst zu finden und dann der Wirklichkeit gefestigter und positionierter gegenüber treten zu können.

 

Das Herzstück der Literatur

 

Lyrik ist das Herzstück der Literatur. Aufs engste verdichtet erscheint in ihr wie in einem Brennglas, was Romane und Erzählungen über viele Seiten entwickeln müssen. Gewissermaßen trotzt Lyrik der scheinbar unabdingbaren Linearität, in die unsere Gedanken gezwungen werden, wenn wir sprechen. Sie schafft die Möglichkeit, allein durch die Versstruktur, Gleichzeitigkeit und eine Art Mehrstimmigkeit zu erzeugen, die wir sonst nur von der Musik kennen.

Gerade die zeitgenössische Lyrik, die hier einen der Schwerpunkte bildet, gehört zu den derzeit aufregendsten Kunstformen unserer Zeit und dennoch scheint dies abseits einer größeren Öffentlichkeit vorzugehen. Lyrik wird eher immer noch als „arme oder introvertierte Verwandte“ der Belletristik gehandelt. Kaum eine Sortimentsbuchhandlung hat noch ein einigermaßen gut bestücktes Lyrikregal. Lyrik muss aber nicht nur zu Gehör gebracht werden; sie braucht mehr denn je auch eigene Orte der analogen Begegnung, die ein Eintauchen in Sprachbilder, Rhythmus, Melodie und Topoi des Dichters ermöglichen.

Eine Buchhandlung allein für die Lyrik, kann nicht dazu da sein, nur Bücher zu verkaufen; Sie ist immer zugleich auch ein Ort der Begegnung, der Kommunikation, des Neuen und der Neugier darauf; denn Lyrik ist trotz ihrer Ästhetik nie geschichtsvergessen.