Warum Lyrik?

Die Lyrik hat nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit, sondern sie ist immer zweckfrei, dient keinem „um zu“, sondern ist nur um ihrer selbst willen da, wie so Vieles, worauf es in Wahrheit ankommt. Lyrik und ihre Rezeption setzt ein Innehalten, ein sich Befreien vom Funktionieren-Müssen voraus. Hier wird deutlich, wie es in der Lyrik entscheidend auf die innere Aktivität des Lesers ankommt, der in der Poesie in die Zwischenräume eintreten, wieder zum Unsagbaren durchstoßen kann.

Wollen, Funktionieren und Handeln schweigen im Moment des Innehaltens bei der Lektüre eines Gedichts, in einer aktiven Pause, die keine Leere ist, sondern eine Möglichkeit wieder die eigene stimmlose Stimme zu hören, selbstvergessen zu sich selbst zu finden und dann der Wirklichkeit gefestigter und anders gegenüber treten zu können.

Lyrik ist das Herzstück der Literatur. Aufs engste verdichtet erscheint in ihr wie in einem Brennglas, was Romane und Erzählungen über viele Seiten entwickeln müssen. Gewissermaßen trotzt Lyrik der unabdingbaren Linearität, in die unsere Gedanken gezwungen werden, wenn wir sprechen. Sie schafft die Möglichkeit, allein durch die Versstruktur, Gleichzeitigkeit und eine Art Mehrstimmigkeit zu erzeugen, die wir nur von der Musik kennen.

Lyrik muss nicht nur zu Gehör gebracht werden. Sie braucht mehr denn je auch einen eigenen Ort, einen Ort der analogen Begegnung, die ein Eintauchen in Sprachbilder, Rhythmus, Melodie und Topoi des Dichters ermöglicht.

Und nicht zuletzt: Lyrik ist immer auch widerständig gegenüber dem Zeitgeist, so vermag sie uns in eine Welt zu entführen, die uns vor einfachen und vereinfachenden Antworten schützen kann.

fe r m a te

e i n   h a l t   e i n   i n n e
h a l t e n   i n n e w e r d e n
&   n i c h t m e h r w e i t e r
w i s s e n ,   w o l l e n   i n
a l l e   s t i l l e   f ä l l t
d e r   k l a n g   d a s   l o s
g e l a s s e n e   g e b ä r d e
d e s   e r i n n e r n s   a u s
b e r ü h r e n   e n t s t e h n
t ö n e   s c h w i n g u n g e n
g e s p a n n t e r   s a i t e n
b ö g e n   h ä u t e   –   e i n
k l a n g   e i n   v e r l o r n
 g e g e b e n e s

 

Barbara Köhler