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Lyrikbrief # Juni/Juli


Avec légèreté und frankophil in den Sommer, très köstlich

Welch‘ ein Gedicht

„Das ist ein Gedicht“ – beschrieb meine Großmutter kulinarische Geschmackserlebnisse der besonderen Art. Sie drückte damit aus, dass ihr etwas außergewöhnlich gut gemundet hatte. Woher aber kommt diese sprachliche Gleichsetzung von Genuss und Poesie, die sich hinter dieser Redewendung verbirgt?
Vielleicht können Sie demnächst dieses Rätsel selbst lösen, denn die Pandemie hat es mir wieder erlaubt, in Frankreich, dem Land der gastrosophischen Beschwörung, Köstlichkeiten wie Muscadet, Bordeaux, Crémant, Pastis, Fleur de Sel, Seife aus Marseille und natürlich die Proust‘schen Madeleines und vieles mehr einzukaufen und für Sie “neben der Kasse” anzubieten.

Und übrigens: Die UNESCO adelte 2010 die „Cuisine Française“ zum immateriellen Weltkulturerbe. Damit erwies sie nicht nur der Tradition des französischen Menüs eine große Ehre, sondern auch dem Schriftsteller Honoré de Balzac. Erst mit seiner „Menschliche Komödie“ hielt das Essen Einzug in den französischen Roman. Aber zurück zur Ausgangsfrage, der Verbindung von Genuss und Poesie…über die Madeleines und ihren Genuss, in Tee getränkt kommen wir der Lösung des Rätsels vielleicht etwas näher…, der Geschmack, das Gedächtnis des Schmeckens, der Geruch, der dazu dient in uns verloren geglaubte Erinnerungen an verloren Geglaubtes wieder in unserer Seele auferstehen zu lassen vermag…und ja, damit sind wir bei Marcel Proust angelangt. Wer, wenn nicht Proust, der mit einem Bissen in das zarte Madeleine-Gebäck, den daraus erwachsenden Erinnerungen an die Kindheit und die darauffolgende Suche nach der verlorenen Zeit den Roman des 20. Jahrhunderts vorgelegt hat ist ein Beispiel dafür, wie ein Geschmackserlebnis die Rekonstruktion des Vergangenen durch die Erinnerung befördern kann.

 

Die allseits bekannte, vielzitierte sog. Madeleine-Passage sei an dieser Stelle, weil sie uns so in den Bann ziehen kann, nochmals angefügt. Als der Erzähler an einem Wintertag nach Hause kommt, bietet ihm seine Mutter, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Tee an, die in ihm den bekannten Erinnerungsprozess auslöst:

 

Ich lehnte erst ab, besann mich dann aber, ich weiß nicht warum, eines anderen. Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man ‘Madeleine’ nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Mißgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? Ich fühlte, daß sie mit dem Geschmack des Tees und des Kuchens in Verbindungstand, aber darüber hinausging und von ganz anderer Wesensart war. (Aus: Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; 10 Bde. Frankfurt am Main 1979, Bd. 1, S. 63–67.)

 

Es sind ja oft Sinneswahrnehmungen des Gaumens und der Nase, welche Erinnerungen in uns wachhalten und sie in andere Zeiten, die Gegenwart transportieren. Ganz so, als wollten sie uns in der nach vorne gerichteten Moderne beständig an die Vergangenheit binden…und so heißt es bei Proust:

 

„Aber wenn von einer früheren Vergangenheit nichts existiert nach dem Ableben der Personen, dem Untergang der Dinge, so werden allein, zerbrechlicher aber lebendiger, immateriell und doch haltbar, beständig und treu Geruch und Geschmack noch lange wie irrende Seelen ihr Leben weiterführen, sich erinnern, warten, hoffen, auf den Trümmern alles übrigen und in einem beinahe unwirklich winzigen Tröpfchen das unermeßliche Gebäude der Erinnerung unfehlbar in sich tragen.“

 

Marcel Proust rettet die verlorene, gelebte Zeit, indem er sie durch sinnliche Wahrnehmung und Genuss samt den daraus erwachsenden Erinnerungen wiederbelebt.

 

Zurück zum „Gericht als ein Gedicht“:

 

Genuss und Poesie, beide Metiers schaffen es mit ihren ganz eigenen Mitteln, den Leser beziehungswiese Esser zum Innehalten zu bringen. Sie kreieren inmitten des Alltags Momente spezieller Aufmerksamkeit und entrücken uns für einen Augenblick dem Lauf der Zeit. Das setzt natürlich gewisse handwerkliche Fähigkeiten voraus. Eine Köchin, die nicht weiß, welche Zutaten miteinander harmonieren oder wie man würzt, wird nicht in der Lage sein, auf diesen Grundlagen Neues zu kreieren. Auch die Poesie hat Regeln wie Versmaß und Strophenbau, die ein Dichter kennen muss, will er Neues schaffen. So wie eine gute Köchin aus der Fülle verschiedener Zutaten bestimmte Geschmacks-Kombinationen auswählt, so destilliert der Dichter aus dem Meer der Worte eine sprachliche Essenz. Damit schaffen Kulinarik und Lyrik, jede auf ihre ganz eigene Art und Weise, unmittelbare Erfahrungen, die ohne Umweg über den Intellekt emotionale Reaktionen beim Esser oder Leser auslösen. Im besten Fall ist ein Gericht dann ein Gedicht.

Rose Ausländers Gedicht könnte als wörtliche Einladung zu verstehen sein, sich an den üppig gedeckten Tisch der Poesie zu setzen, die dort angebotenen Speisen zu kosten, innezuhalten und dadurch im immer gleichen Lauf des Alltäglichen das Besondere, das Poetische zu finden.

Einladung

 

Auf dem Tisch

Äpfel und Wein

Blumen zerbrechliche Farben

Du bist eingeladen

Ich wohne im Haus

Nummer Null

Den Duft malte Monet

Äpfel gereift bei Cezanne

den Wein brachte die Flaschenpost

Ich wiederhole

du bist herzlich

eingeladen

 

Rose Ausländer: Im Aschenregen / die Spur deines Namens

Gedichte und Prosa 1976

Rose Ausländer:

Im Aschenregen die Spur deines Namens. 

Gedichte und Prosa 1976. 

Leinen-Einband, 

19,90 Euro (bestellen) 

Voila, ich empfehle, lesen Sie einmal wieder ein Gedicht oder kochen Sie ein französisches Gericht – und genießen Sie das eine oder das andere oder beides. Für beides finden Sie in der Lyrikhandlung alles, was Sie dafür brauchen, Sie sind herzlich eingeladen. Also erst einmal lesen…

…Beginnen wir mit einer Neuausgabe zu Proust:

Als der aufstrebende Romanist Ernst Robert Curtius seinen wegweisenden Essay „Marcel Proust“ 1925 erstmals veröffentlichte, wurde der bedeutendste französischsprachige Erzähler der Moderne in Deutschland gerade erst entdeckt. Umso erstaunlicher ist es, mit welcher Genauigkeit, mit welch sicherer Intuition Curtius durch Marcel Prousts Werk führt. Er tut es als kundiger Literaturwissenschaftler, vor allem aber als begnadeter Leser. Satz für Satz, Metapher für Metapher erhellt Curtius kongenial den besonderen Zauber von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Sein Essay ist daher nicht nur ein hilfreicher Lektürebegleiter, sondern ein Meisterstück literarischer Kritik, ein wahres Lesevergnügen.

Die Neuausgabe von Marcel Proust erscheint zum 150. Geburtstag des großen Schriftstellers mit einem Nachwort und frischen Übersetzungen der zitierten französischen Passagen von Michael Kleeberg sowie mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles.

Ernst Robert Curtius
Marcel Proust. Essay
Mit Fotografien und Faksimiles.
24,00 Euro (bestellen)

Wer mag sich Frankreich und die französische Literatur ohne die verführerischen Segnungen, die Küche und Weinkeller bereithalten vorstellen? Der Frankreichkenner Rainer Moritz hat literarische Texte gesammelt, die den Mythos der französischen Gourmandise begründeten, und zugleich belegen, wie eng das kulinarische und das ästhetische Vergnügen zusammenhängen. Es geht um Boeuf bourguignon, Steak Fries, Terrine de Campagne, Austern, um Sancerre, Pastis und Bordeaux – und darum, wie Madame de Sévigné, Louis-Sébastien Mercier, Colette, Guy de Maupassant, Gustave Flaubert oder Georges Simenon diese Genüsse ihren Romanen, Briefen und Gedichten einverleibten. Bon appétit!

Rainer Moritz:

Frankreich a la carte

Kulinarische Geschichten

16,80 Euro (bestellen)

Auch die „feinen gourmandisen“ des mandelbaum-verlags widmen sich der Kulturgeschichte des Essens, Trinkens und Kochens. Sie sind Koch- und Lesebücher in einem und stellen jeweils eine essbare Pflanze vor, ihre Kultur- und Naturgeschichte sowie klassische und unbekanntere Arten der Zubereitung. Und sie sind zugleich wunderschön gemacht.

In der gourmandise zur Artischocke heißt es dort: Cynara, die Nymphe, wurde in eine Artischocke verwandelt, weil sie sich Zeus verweigert hat. Der Liebe der alten Griechen zu der Pflanze tat dies keinen Abbruch. Vorläufer unserer Artischocke schätzte man im alten Ägypten genauso wie im Rom der Kaiserzeit. Erst im 15. Jh. wurde die Artischocke dann über Arabien nach Italien gebracht. Katharina von Medici nahm sie in ihre neue Heimat Frankreich mit, wo Artischocken vor allem ihrer aphrodisierenden Wirkung wegen zum exklusiven Modegemüse wurden.
Nicht nur als Gemüse, auch als Heilpflanze hat sich die Artischocke bewährt: Als Tee, Frischpflanzensaft, Extrakt oder Digestif unterstützt sie die Arbeit von Leber und Galle und senkt den Cholesterinspiegel.
Heute kommen 40% der Artischocken aus Italien. Bruno Ciccagliones Buch mit ungewöhnlichen Rezepten von »alla giudìa« bis Artischockensorbet (viele von ihnen eigene Kreationen) macht Lust auf das sinnliche Gemüse..

Bruno Ciccaglione
Artischocke
mandelbaums kleine gourmandise Nr. 7
12,00 Euro (bestellen)

Die gourmandisen gibt es zu Gurke, Mandel, Morchel, Radicchio, Salbei, Thymian, Zimt, Birne, Feige, Holunder, Marone, Orange, Rhabarber, Sellerie, Vanille, Zitrone, Avocado, Erbse, Fenchel, Johannisbeere, Aubergine, Pastinak, Rote Bete, Spargel, Walnuss, Zucchini, Basilikum, Erdnuss, Granatapfel, Kakao, Mohn, Quitte, Safran, Steinpilz, Sauerkirsche, Zwiebel…fast alle sind bei mir vorrätig!

Und nun zu den Zutaten:

 

Marqués de Griñón erzählt über das “Grüne Gold” Spaniens und dabei von der faszinierenden Kultur des Olivenöls.
Carlos Falcó, als Marqués de Griñón ein Mitglied des Hochadels, hat sich vor vielen Jahren dem Olivenöl verschrieben und gibt in diesem Buch Einblick in diese faszinierende Kultur, die aus einer großen Tradition lebt und in die Zukunft weist. Denn Olivenöl ist das traditionelle Pendant zum Wein und verdient ebenso viel Aufmerksamkeit. Was in Italien lange erkannt ist, brachte Carlos Falcó nach Spanien. In einem Land, in dem billige Olivenölproduktion Standard ist, kaufte er Olivenhaine und schuf die Grundlage für die Wiederherstellung einer Qualität, die seit Jahren verloren war.
Carlos Falcó ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, welches alles Wissenswerte zu Olivenöl versammelt und gleichzeitig Zeugnis einer großen Leidenschaft gibt.


Carlos Falcó:

Oleum

24,99 Euro (bestellen)

Auch der Lyriker und Übersetzer Ralph Dutli (der übrigens soeben mit dem diesjährigen Deutschen Sprachpreis ausgezeichnet wurde) widmet dieser Frucht ein kleines Bändchen, denn kein anderer Baum ist so eng verbunden mit der Entwicklung der mediterranen und europäischen Kultur, der Religion und der Demokratie, der Medizin, dem internationalen Tauschhandel, dem Sport, der Kunst und der Literatur.


Der Olivenbaum ist ein vielverzweigter Urbaum, an dessen luftigen Ästen, wenn nicht alles, so doch vieles von dem hängt, was die menschliche Kultur der letzten Jahrtausende hervorgebracht hat.
Der Olivenbaum ist ein archaischer Zauberer, die zarte Olive eine trickreiche Zauberin.

 


Ralph Dutli:

Liebe Olive

Eine kleine Kulturgeschichte

14,90 Euro (bestellen)

Und der Honig?


Wer weiß schon, dass die Bienen für die alten Ägypter aus den Tränen des Sonnengottes entstanden? Dass der hinduistische Gott Vishnu, der Bewahrer der Welt, als Blaue Biene neben dem Liebesgott in einer Lotusblume schläft? Dass die ganze Antike hindurch der Wunderglaube sich hielt, dass Bienenvölker aus Stierkadavern geboren werden? Dass Christus im Mittelalter als himmlische Biene galt, die Muttergottes Maria – als Bienenstock? Dass der Honig als Symbol für die Süße göttlicher Wahrheit stand und als erotische Metapher für die Freuden irdischer Liebe? Dass seit der Antike eine geheime Beziehung bestand zwischen Bienen und Küssen? Dass zahlreiche Geistesmenschen, von Vergil bis zu Sylvia Plath, passionierte Bienenzüchter(innen) waren? Dass sich die Dichter von Pindar und Horaz bis Mandelstam und García Lorca mit der Biene verglichen haben, dass Rilke die Dichter als die »Bienen des Unsichtbaren« bezeichnete?
Die Biene gab Anlass zu religiösen Riten, Aberglauben und Wundergeschichten. Sie stand für Gemeinschaftssinn, Selbstaufopferung, Zukunftsvorsorge, durchdachte Ordnung, Reinheit, Fleiß und Fülle. Aber auch: für Magie und Prophetie, Seele und Inspiration. Ralph Dutli erzählt davon mit kenntnisreicher Gewitztheit und Poesie.

Ralph Dutli:

Das Lied vom Honig

Eine Kulturgeschichte der Biene

14,90 Euro (bestellen)

Wie die Mode, das Baguette, der Rotwein und das savoir vivre gehört auch das Chanson zu den nationalen Heiligtümern Frankreichs; kaum eine andere musikalische Disziplin ist so verbunden mit der Kultur und dem Wesen eines Landes. Liebe und Revolution, Nostalgie und Heimat, der Spott auf die Bourgeoisie und immer wieder Paris – so in etwa lassen sich die Leitmotive des französischen Chansons zusammenfassen. Große Dichter und Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Jacques Prévert, Louis Aragon und Jean-Paul Sartre lieferten die Texte für Chansons, welche dann von Ikonen wie Edith Piaf, Charles Aznavour, Barbara, Jacques Brel und Serge Gainsbourg interpretiert wurden. Ihr Erbe wird heute von Größen wie ZAZ oder Benjamin Biolay lebendig gehalten und in die Zukunft getragen. Bebildert mit stimmungsvollen Fotografien, unter anderem von Robert Doisneau oder Henri Cartier-Bresson, taucht dieses Buch ein in die Geschichte einer der sinnlichsten und poetischsten Musiken der Welt. Eine fotografische Hommage an Frankreichs lyrischste, romantischste und poetischste Musiktradition!

 

Olaf Salié: Chanson

Leidenschaft, Melancholie und Lebensfreude aus Frankreich. Eine fotografische Hommage an das französische Chanson. Erscheint im Oktober

50,00 Euro (bestellen)

…und nun aber die Gedichte zum Gericht…


Rose und Nachtigall, das ist ein zentrales, tausend Jahre altes Motiv der arabischen, persischen und türkischen Dichtung, um das Safiye Cans Gedichte in diesem Band kreisen. Während die Rose dort ein Symbol für die Geliebte ist, steht die Nachtigall für das sehnsuchtsvolle Begehren derselben. Safiye Cans Gedichte sind moderne und eigenständige Liebesgedichte, die den Dingen des Lebens und des Liebens nachspüren. Mit neuen und überraschenden Metaphern besingen sie die Liebe, aber auch deren Scheitern und den Verlust, in einem musikalischen Ton, dessen rhythmische Einheiten das Gesagte überführen, wobei ein ganz eigener, besonderer Klang entsteht.
Sechs Jahre nach seinem ersten Erscheinen haben die Gedichte dieses Bandes noch immer nichts von ihrer Aktualität eingebüßt und ihre Sprache, ihre Musikalität lässt weiterhin staunen. Diese neue Ausgabe ihres ersten Gedichtbandes zeigt, wie gekonnt sich Safiye Can der Liebe sprachlich zuwendet.

 

Unterwegs lese ich durchnässte Träume auf
und hänge sie an die Wäscheleine
in meinem Herzen das Herz einer Nachtigall

 

.

Safiye Can:

Rose und Nachtigall

Liebesgedichte

18,00 Euro (bestellen)

In einem früheren Leben
war ich ein Wolf
Doch war ich nicht ehrenhaft genug
heulte oft grundlos
war feige
In diesem Leben
erniedrigte mich Gott zu einem Menschen

 

Die Gedichte von Ahmad Katlesh bewegen sich um die großen Fragen von Verlust, Liebe, Einsamkeit eines Mannes, der in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat, seine alte Heimat noch im Herzen trägt, sie aber nicht besuchen kann.

 

Ahmad Katlesh wurde 1988 in Damaskus geboren, er ist Schriftsteller, Journalist und Stimmkünstler. Er hat drei Bücher auf Arabisch veröffentlicht: eine Anthologie syrischer Lyrik vor dem Krieg, einen Gedichtband und eine Sammlung von Kurzgeschichten. 2015 gründete er eine arabische Plattform für Literatur, www.tiklam.com, mit täglich über 5000 Besuchern. 2017 kam er dank eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland. Als nächstes Buch ist eine Studie zum Thema „Klang als Werkzeug in der modernen arabischen Poesie“ auf Arabisch geplant.

Ahmad Katlesh:

Das Gedächtnis der Finger

Gedichte. Aus dem Arabischen von Kerstin Wilsch und mit einem Nachwort von Michael Krüger.

12,90 Euro (bestellen)

Was ist los mit uns? Und was weiß ein Mensch von einem Tier zu schreiben? Mara-Daria Cojocarus Gedichte sind ebenso vorsichtige wie eindringliche Antwortversuche. Sie legen Zeugnis ab von den Konflikten zwischen Menschen und Tieren, die immer auch dort entstehen, wo sich der Mensch seiner eigenen Tierlichkeit nicht sicher ist. »Es ist das / Alte Halsband Angst, nicht Mensch, nicht / Tier zu sein« – schreibt sie. Auch die Alternative – Gott zu sein oder zu spielen – scheint auf; oder was sonst mag es mit dem zwielichtigen Herrn Goselmanu auf sich haben, der durch den Band führt?
Mara-Daria Cojocaru entwirft eine neue Arten- und Beziehungskunde im Spiel mit Fachsprachen und poetischen Formen, die zum Nachforschen und Einfühlen gleichermaßen einladen, bis der Leser, unverhofft, seine Verwandtschaft mit dem Regenwurm entdeckt: »Er Erdwurm / Urmund / Du auch / Erdenwurm«.

 

„Ich bin

das letzte Reh im Zoo von Gaza, ich
Steh zerschossen Fell und Sand
Am Rand: ikonische Verzweiflung. Ich

Seh meine Freunde an der Wand. Wer
Hat mich übersehen? Warum bleib ich
Bleiern, unerschossen; unentschlossen

Geh ich hin. Ich wittere, was surreal ist, die
Wand marschiert mir in die Nase, ich biete
Mich dem Truthahn an. Als Friedenszeichen

Schalomsalam, ich
Bin das letzte Reh, im Zoo von Gaza
Du mein Absalom- Perückenbock

Zerschossene Testikel, tapfer und wie schön
Du bist, ich weiß, und Gott erspeit die Lauen
Ich bin, Jesusmaria, voll der Gnade

Und was für ein brutales
Bild vom Krieg“


Mara-Daria Cojocaru:

Anstelle einer Unterwerfung

Gedichte
20,00 Euro (bestellen)

Auch einige signierte Ausgaben, z. B. von Gunter Eich, Christoph Meckel, Ursula Krechel, Friederike Roth, Carolin Callies und Ulrike-Almut Sandig sind bei mir eingetroffen!

Und last but not least: das Leben muss weitergehen und deshalb habe ich trotz Delta-Variante in meiner Buchhandlung eine erste Lesung geplant. Zu Gast ist Thedel von Wallmoden, Verleger des Wallstein-Verlags, der die wichtigsten Lyrikerinnen und Lyriker wie zum Beispiel Daniela Danz, Marina Zwetajewa, Philippe Jaccottet, Dorothea Grünzweig oder auch Henning Ziebritzki, der mit »Vogelwerk« den Peter-Huchel-Preis 2020 gewonnen hat, in seinem Programm hat.

Termin: 3. September 2021, 19.30 hier in der Bursagasse 15. Gerne sind Sie auch zu einem kleinen Umtrunk im Anschluss an die Lesung eingeladen!

Aufgrund der Corona-Abstandsregeln ist die Anzahl der Teilnehmenden begrenzt und es ist eine Anmeldung erforderlich. Diese nehmen wir gerne telefonisch unter 07071 566 71 71 entgegen oder senden Sie uns eine Nachricht:

Kommen Sie bald vorbei, für dieses oder jenes, es lohnt sich!

Mit einem poetischen Gruß aus der Bursagasse,

eure/Ihre 

 

Ulrike Geist

Lyrikbrief # Mai 2021

 

Der Buchmarkt feiert, diskutiert und beachtet zwar immer noch überwiegend Romane, doch die Lyrik, sie blüht inzwischen längst nicht mehr nur im Schatten…

…denn sie ist sowohl das musikalischste und individuellste als auch das welthaltigste, das freieste und mutigste literarische Genre. Doch Lyrik ist nicht gleich Lyrik, sie ist voller Vielfalt und Eigensinn, denn Formen kennt sie viele: vom dreizeiligen Haiku bis zur mehrstrophigen Ballade, vom Sonett bis zum Prosagedicht, vom strengen Anagramm bis zum Rap – und immer ist die Sprache intensiv, bilder- und gedankenreich, manchmal beobachtend, oft auch nachdenklich, jedenfalls immer aber neu und augenöffnend.

Selbstbewusst hat die Gegenwartslyrik ihr Kapital längst erkannt, auch da ihre Außenseiterposition die Freiheit mit sich bringt, Sprache anders zu besetzen, neue Konnotationen mit Worten in Verbindung zu bringen, Dinge anders und ungewohnt darzustellen und so neue Bedeutungsräume zu öffnen. Indem sie eine andere Sprache für unsere Welt findet, in einer Zeit, in der Sprache jeden Tag weiter droht ins Verrohte abzurutschen, vermag sie uns andere Sprachwelten als Gegenentwurf zu präsentieren. Damit ist zeitgenössische Lyrik ein idealer Ausdruck unserer Gegenwart. Der kühne Aufruf „poetisiert euch“ den sich das Verlagshaus Berlin auf die Vorschauen und Postkarten schreibt, meint nichts anderes, was unverkennbar unsere Gegenwart prägt: dass nämlich Geld und Boni längst nicht mehr das erste und einzige Argument darstellen, und genau damit kennt sich die junge Dichtergeneration bestens aus.

Die „Poetisierung“ läuft und leuchtet, so viele junge Autorinnen und Autoren wie selten zuvor schreiben Gedichte. Und dies tatsächlich nicht erst seit mit Jan Wagner 2017 erstmals ein Dichter den renommierten Georg-Büchner-Preis gewonnen hat, auch nicht erst seit Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhalten hat und der Auftritt der Lyrikerin Amanda Gorman bei Joe Bidens Amtseinführung gefeiert wurde – voll Selbstbewusstsein hat sich die Lyrik aus dem Mauerblümchen-Dasein und der Larmoyanz befreit.

Möge die Welt sich nicht dabei aufhalten lassen „sich weiter zu poetisieren“ – durch das Schreiben und Rezipieren von Lyrik!!!!

Eine persönliche Auswahl aus der Vielfalt der lyrischen Stimmen und Ausdrucksweisen sei Ihnen hiermit ans Herz gelegt.

Die vorgestellten Titel sind alle in meiner Lyrikhandlung vorrätig, hinter jedem Titel findet sich ein Link „bestellen“, mit dem sich ein Formular öffnen lässt, womit Sie reservieren oder zu sich nach Hause liefern lassen können.

Einer der wichtigsten Vermittler der iranischen Kultur SAID ist überraschend im Mai und kurz vor seinem 74 Geburtstag in München gestorben. Deutschland, das ihm ein halbes Jahrhundert Lebensort war, blieb ihm auch immer Exil. «Wo ich sterbe ist meine Fremde» heisst eines seiner frühen Werke. In seinen Gedichten bildet die Sehnsucht, diese nach Liebe und die nach Heimat ein zentrales Thema. Ungeachtet seiner eigenen Erfahrungen sah er in den Religionen die Hoffnung zur Überwindung der Trennung der Kulturen von Orient und Okzident.

 

herr
ich weigere mich
das gebet als waffe einzusetzen
ich wünsche es als einen fluß
zwischen zwei ufern
denn ich suche weder strafe noch gnade
sondern eine neue haut
die diese welt ertragen läßt

 

 

SAID: Psalmen (2008)

14,95 Euro (bestellen)

 

 

 

 

Desweiteren zu empfehlen:
«mein auge / ein pilger außerhalb der zeit / widersteht dem fluß der tage / dem licht / und seinen brechungen»
aus:
SAID: vom wort zum haus 

Gedichte

15,00 Euro

Fragment

Tage und Jahre gehen

Und ich nehme das Leben nicht ernst
glaube noch immer nicht
Dass es ernst macht mit dem Leben
es macht mich nicht ernst
noch immer lächle ich ungläubig
vor seinem Ernst, lächle
weil ich nicht glaube, was geschah
was das Leben geschehen ließ
als ich lebte

 

Kito Lorenc

 

URSPRUNGSALPHABET

Ich bin

Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt

Briseis, die Achilles diente

Bin

Calypso und singe für Odysseus und wünsche, dass er mich nicht verlässt

Diana, Göttin mit dem Silberbogen, Silberpfeil, die Mondzicke

Ich bin ein guter Maler und heiße Hitler I am

Ferlinghetti crying over Allen

Guanin, der DNA Bauer, der Knecht

Hadrian und baue eine Mauer mir zu Ehren, dem Reich zur Wehr

Ich auf Freuds Couch

Jonas im Walbauch mit

unendlichem Vertrauen

Bin

Kassandra, die ständig spricht, doch keiner hört

Langsamkeit, mit der ich vergesse und an die ich anschließe

Medea, die deiner Geliebten eine Kleid näht, den Kindern die Köpfe verdreht

Ich bin

Nora, der du ein Puppenhaus baust

Ochsenfrosch, denn das ist die Liebe zwischen Frida und Diego

Proteus, denn ich will allen gefallen und hüte die Robben am Strand

Ich war die Qual des Laokoon ebendort, wo die Wellen brachen

Ich bin Rilkes Panther-Tierpfleger

Sybille, Sybilla, Cybil – who cares- I speak in riddles

Ich bin Ton aus Erde aus Sediment aus dem Adam entstand

D-u bist der Hauch und unsinkbar

Ich bin Verlorenes am Wegrand, ein Stein, den einer lange mitgetragen hat

Warten auf den Läufer aus Marathon, dem Fenchelfeld

X-Men, die Weltretter, die Ahnen der Tafelrunde Ich bin zynisch, Baby,

zynisch Ich

bin z

Nora Gomringer

Die Lyrik ist das spannendste Feld der Gegenwartsliteratur: Nirgendwo sonst wird mit so hohen Einsätzen gespielt – und nirgendwo sonst fallen Leben und Schreiben so häufig in eins. »Das Gedicht & sein Double« gibt dem Genre ein Gesicht. Oder besser: 100 Gesichter. Seit mehr als fünf Jahren porträtiert der Fotograf Dirk Skiba Dichterinnen und Dichter. Die Lauten und die Flüsterer, die Jungen und die nicht mehr ganz Jungen, die Etablierten und die noch Unbekannten.
So entstand eine Sammlung, die ihresgleichen sucht: vielstimmig, lebendig und widersprüchlich wie die Szene selbst. Und da ein Portrait nie die Wahrheit zeigt, ist jedem Foto ein lyrisches Selbstporträt zur Seite gestellt, welches das Bild kommentiert, ergänzt oder ihm widerspricht – in einer unendlichen Suchbewegung zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Die Gedichte von Kito Lorenc und Nora Gomringer entstammen dem Bildband:

Gedichte

Dirk Skiba: Das Gedicht & sein Double, Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait.

Mit 100 Schwarz-Weiß-Portraitfotos von Dirk Skiba (Duoton-Druck)

Hrsg. von Nancy Hünger und Helge Pfannenschmidt

34,90 Euro

Das Gedicht & sein Double

“The Times They Are A-Changin'”

 

Come gather ’round people
Wherever you roam
And admit that the waters
Around you have grown
And accept it that soon
You’ll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin’
Then you better start swimmin’
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin’

Come writers and critics
Who prophesize with your pen
And keep your eyes wide
The chance won’t come again
And don’t speak too soon
For the wheel’s still in spin
And there’s no tellin’ who that it’s namin’
For the loser now
Will be later to win
For the times they are a-changin’…..

 

 

In seinen frühen Jahren war Bob Dylan ein Singer-Songwriter, dessen Songs man auf den kleinen und bald auch größeren Bühnen New Yorks hörte, später wurde er zu einem Dichter, dessen Arbeiten man las. Seine einzigartige Karriere, die Anfang der sechziger Jahre in den Folkclubs begann, gipfelte 2016 in der Ehrung mit dem Literaturnobelpreis. Dylan verbindet in einer nie dagewesenen Kreativität Musik und Performance mit der Poesie, seine Lyrics waren dabei immer weit mehr als nur Texte zu seinen Songs. Dieser Band bietet zum ersten Mal eine zweisprachige Auswahl seiner besten Lyrics und Gedichte, herausgegeben und mit einem Nachwort von Dylan-Kenner Heinrich Detering.

 

 

Bob Dylan

Best of Lyrics

30,00 Euro

wer für den strick geboren ist, kann im wasser nicht umkommen

mankovich sagte er habe empfunden

dass die welt voll großer und kleiner

dinge sei und dass gott

schweigt, mankovich sagte

es gebe nichts helles

und nichts dunkles in der welt und die liebe sei

kein gefühl, mankovich

saß im wintermantel im bett

er sei eigentlich gerade

im begriff zu gehen gewesen sagte er werde fortan

immer eine sonnenbrille tragen nur damit irgendwer

ihn frage

warum

fragte ich wenn keiner es tut

wird es dich dann nicht

noch trauriger machen

schon sagte mankovich

aber dann

sieht es keiner mehr

 

An der Schwelle zum Schlaf, unterwegs durch die Großstadt, begegnen wir Nikolai Gogol und Marianne Faithfull, Sockendandys und Partymädchen, Versehrten und Abgehängten, »mit dem gesicht nach unten«, »am broadway an der haltestelle«, »für zehn, fünfzehn minuten wirklich«. Sie sind »der spiele so müde, selbst die messer haben das stechen satt«. Denn was ist das Herz anderes als »ein muskulöses hohlorgan« – Kraken haben drei davon, wir Menschen: »eine plötzliche angst vor zügen«.

Mit untrüglichem Rhythmusgefühl und einem Ohr auf der Tanzfläche horcht Juliane Liebert in ihren flirrenden Gedichten auf »die einsamen, die lauten, die leichten dinge« und schreibt Verse von solcher Zartheit, dass sogar die Battlerapper getröstet werden. Denn selbst wenn die Erde »immer langsamer rotiert« und die Niagarafälle »abends abgestellt« werden – »morgens stellt man sie wieder an«.

 

Juliane Liebert
lieder an das große nichts

Gedichte

18,00 Euro

KEHREN WIR ZURÜCK

Zum Anfang, dem Morgenanbruch,
der Geburt all dessen,
was du sein würdest. Die kalte Hand
des Januars lehrte die Uhr, die Zeit zu lesen.

Und jetzt ist Juli, Halbjahres-
Tag, der für nichts steht als die Harke,
die wieder die Meute
wilder Hunde in den Käfig schiebt.


Mary Jo Bang

Mary Jo Bang spricht in den Gedichten des Zyklus »Elegie« von der Erfahrung eines unerträglichen Verlusts: dem Tod ihres Sohnes. In Etappen durchleben wir als Leser den Trauerprozess, immer wieder kehren wir zu zwei verstörenden Themen zurück: zur sich im Trauern immer neu verzerrenden Wahrnehmung von Zeit und zur Erkenntnis, dass auch die Elegie eine Art von Vorstellung ist, in dem sich die Person im Schmerz aufspaltet und Inneres und Äußeres anscheinend unterschiedlichen Regieanweisungen folgen. Aus dem imaginierten Gespräch mit dem Abwesenden, der Selbstanklage, dem nagenden Gefühl von Schuld, dem Dauergefühl des Ungenügens angesichts des Geschehenen, entwickelt sich auch ein Dialog zwischen der Form der Gedichte und der Trauer. Die Gedichte berichten nicht – sie sind Erfahrung.

»Elegie«, ein großer Trauergesang, zählt zu den wichtigsten amerikanischen Gedichtbänden im letzten Jahrzehnt – hier erscheint er erstmals auf Deutsch.

Mary Jo Bang
Elegie

Gedichte

Englisch | Deutsch
20,00 Euro

in deinen augen
untergehen
ein atemloser
süffiger tod
war es so
so soll es sein
aus der blausten
aller augenfarben
ist sie nicht
wegzudenken
die liebe

 

Doris Runge ist eine der stillen und um so eindringlicheren Lyrikerinnen dieses Landes. Ihre Sprachbilder brennen sich beim Lesen ein durch höchste Präzision, und zugleich verschwimmen sie, greifen weit aus in die Landschaften, in die Zeiten, beschwören vergangene Mythen in ihrer Gegenwärtigkeit. Dass Alltägliches und Märchenhaftes, bitter Ernstes und Schalkhaftes plötzlich wie selbstverständlich nebeneinander liegen können oder gar miteinander verschmelzen, macht ihre Gedichte so intensiv, so zugänglich wie geheimnisvoll.

 

Doris Runge
man könnte sich ins blau verlieben
Gedichte
€ 18,00

deckname

habe straßenkarten auswendig gelernt und
verschlungene wege. meine haut spannt weiß,
wie vom kalksand eingefärbt. unter den fingernägeln
brechen schachtelhalmknospen auf als wegweiser.
worte surren im hautzelt, das ich vor mir hertrage
als schutzschild, als täuschungsmaske.
ich schlage die trommeln und lasse leuchtrakteten steigen,
die gefährlich aufflammen unter der hautoberfläche.
ein lufthauch könnte mir die maske
vom körper reißen. noch weht er nicht,
noch glaubt man mich zu erkennen.
wenn mein name genannt wird, soll
ein weißes tuch in der landschaft sein. ich war da.

Maja Haderlaps Gedichte haben etwas zu erzählen. Sie sprechen mit faszinierender Eindringlichkeit von Fremdsein und Nachhausekommen, von weiten Landschaften und engen Behausungen, von Menschen, die unterwegs sind: auf der Suche nach dem, was ihr Leben ausmachen könnte. Das kann der Andere sein, der Nächste, die Gemeinschaft, das kann die Einsamkeit oder das Gedicht selbst sein, für das eine Sprache gefunden werden muss. Tiefe Emotionalität stellt sich her, gerade weil sie nicht beschworen wird..

 

Maja Haderlap
langer transit
Gedichte
€ 19,90

felle & fliegen

 

wir muten den fellen besonders viel zu:

wir streiften sie über, ein nussbaum war zeuge,

wir legten die feigen dazwischen wie obst

& nutzten den morgen, um beischlaf zu halten

& nutzen das fell als vorleger dafür.

 

kein wort über mücken, kein wort untern teppich,

die fliegen gehörnt & wir tragen heut fell

& melden uns eifrig zum morgenappel, zur frühschicht im park,

aber, mist ist das, gehen uns die falter entzwei

& wir brauchen sie doch für die tiere als köder.

 

wir legen die fliegen nun eins nebens andre,

wir zählen sie aus, collagieren die flügel.

wir treten sie aus & empfehlen sie sonders,

denn morgen ist markt & dort feilschen wir wieder

um den günstigsten käfig, für den teppich am tag

 

& wir gerben die felle für die nächte zuvor

& wir nuten sie uns besonders tief ein.

Ach, was hielten wir beischlaf!

ne fliege dazwischen. die nächte,

sie lagen wie teppiche auf.

 

Carolin Callies’ Debüt fünf sinne & nur ein besteckkasten war das lyrische Ereignis des Jahres 2015, es galt als das wichtigste lyrische Debüt der Saison.
So verhält es sich auch mit dem Buch neuer Gedichte schatullen & bredouillen: Da lesen wir von ›pappenstil & puppenspiel‹, blättern im ›atlas eines stelldicheins‹, besichtigen ein ›bollwerk aus bröseln‹ oder ›landschaften ohne brotrinde‹. In den neuen Gedichten werden zahlreiche kleine Örtlichkeiten vermessen, bewohnt, bevölkert, verschoben oder gelöscht, seien es (Fall-)Türen, Kästchen, Gehäuse, Gehege, Trutzen, Siebe oder Löcher.
Carolin Callies verzaubert in ihrer Bildwelt jeden Leser, sie öffnet Räume und Landschaften, Beziehungskisten und schaut in tiefe Gräben, in denen alleweil gilt: ›manege frei fürs nackedei‹. Ihre Gedichte sind ganz von heute, frisch und frech, auf höchstem Niveau, eine lyrische Stimme, deren Klang man nicht mehr verliert.

Carolin Callies
schatullen & bredouillen

Gedichte
€ 20,00

Mit einem poetischen Gruß aus der Bursagasse,

eure/Ihre 

 

Ulrike Geist

Lyrikbrief # April 2021

Müssen wir also zur Antike zurück, um zu wissen, wie schön Worte tönen können? Nein, so weit dann doch nicht! Es genügt schon, sich an die eigene Schulzeit zu erinnern, als man sich über die neuesten Songs der Hitparaden austauschte…sie waren toll oder eben nicht. So ist es auch mit den Gedichten; sie sagen uns etwas oder eben nicht. Und wie den damaligen Charts unserer Schulzeit geht derzeit viel Aufregendes, Frisches von der neuen Lyrik aus; sie sagt uns eine Menge über uns, unsere Herzensangelegenheiten, und die Welt, in der wir leben, über Zeiten und Orte. Und all das auf aller engstem Raum verdichtet, sie sind etwas ganz anderes als Serien, Doku-Soaps und auch die teilweise lauten Wortmeldungen aus dem Prosaspektrum. Die Lyrik ist, finde ich, die herrlichste Literaturgattung, die es gibt: Hier kommen Menschen zu Wort, die einfach etwas zu sagen haben – von Elfenbeinturm oder Schüchternheit keine Spur. Und schon sind wir mittendrin, in der Fülle besonderer und lesenswerter Gedichtbände, ein „wortgebundener“ Frühlingsstrauß an „frischen“ oder immer noch frischgebliebenen Blumen flattert heute in Ihr Postfach…

Den Auftakt der „Blüten“ bildet ein Gedicht des im Februar diesen Jahres verstorbenen Lyrikers Philippe Jaccottet, entnommen dem Band „Gedanken unter den Wolken“, dessen überaus filigrane Poesie eine tiefe Ruhe ausstrahlt:

 

Philippe Jaccottet,

ein seit Jahrzehnten in Frankreich lebender Schweizer, gilt als eine der großen Stimmen der europäischen Poesie. Im Jahr 2014 durch die Aufnahme in die berühmte Bibliothèque de la Pléiade bereits zum Klassiker geworden, ist er doch ein überaus gegenwärtiger Dichter, der immer neu seine Leser anspricht und berührt. Einen »Diener der Sichtbarkeit« nannte ihn Peter Handke bei der Verleihung des Petrarca-Preises, einen Wanderer und Beobachter »langsam im Schatten«.
»Gedanken unter den Wolken« gehört zu seinen berühmtesten Büchern. Es ist ein Zyklus des Übergangs, der von Kindheitsmotiven hinführt zum Alter, vom Sommerende in den Winter, aber auch hin zu dem »Wort Freude«, wie ein zentrales Kapitel heißt.


Philippe Jaccottets Gedichte beeindrucken durch ihre Nähe zur erlebten Welt und durch ihre sprachliche Kraft und Aufrichtigkeit.

So viele Jahre

und wahrhaft so dürftiges Wissen

so schnell versagendes Herz?

[…]

Die Seele, so fröstelnd, so furchtsam,

muss sie denn endlos über den Gletscher wandern,

barfuß, allein, und vergessen sogar

das stotternde Gebet der Kindheit,

für ihre Kälte endlos bestraft durch die Kälte?“

 

 Phillipe Jacottet

Philippe Jaccottet
Gedanken unter den Wolken
Französisch | Deutsch
Reihe: Edition Petrarca
€ 20,00 (bestellen)

Daniela Danz

zählt seit langem zu den wichtigsten Lyrikerinnen dieses Landes. Ihr neuer Gedichtband ist ein Ereignis.

 

Die Nacht kippt in das dämmrige Zimmer

läuft aus und alles ist schwarz was fangen
wir an mit unseren schwarzen Gedanken
wir tasten nach dem Morgen bis schließlich
ein erster Bus das Ende des Dunkels über
Land fährt und ich eine Feder neben deinem
Mund erkenne und wie dein Atem sie bewegt:
die Sorgen von gestern haben uns vergessen

 

Streng formbewusst und voll wilder Experimentierlust sind ihre Verse, sie greifen weit aus in die Landschaft, in die Welt, in die Geschichte, und doch führen sie immer auch in enge Räume zurück, in das Haus, die Wohnung, das innerste Fühlen. Oder vielleicht gehen sie eher davon aus? Als eine Sehnsucht? Ins Offene? Wenn zeitgenössische Lyrik eine Dringlichkeit hat, dann in den Versen von Daniela Danz.

 

Daniela Danz
Wildniß
Gedichte
€ 18,00 (bestellen)

Christine Lavant

schrieb Gedichte, die in ihrer sprachlichen Eigenwilligkeit und existentiellen Zerrissenheit für Thomas Bernhard zu den »Höhepunkten der deutschen Lyrik« zählen. Er beschrieb ihre Lyrik als »das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen«.


Versuche den winzig gewordenen Mond

aus dem Himmel zu blasen.
Dein Atem reicht nicht einmal dafür noch aus!
Wie willst du dann die aufgeloderte Sonne
über deinem Herzen kühler machen
oder gar sie verschieben?
Sage zu deinem Herzen, daß früher oder später
alle Hexen verbrennen müssen.
Auch die guten entgehen dem Feuer nicht,
weil Gott ihre magische Asche braucht,
um seine Erwählten damit zu salben.
Sage, er haßt diese Asche nicht,
weil sie trotz allem aus Unschuld kommt
und vielen gemeisterten Leiden.
Lehre, wenn du jetzt Atem holst,
dein Herz in die Mitte der Sonne treten
und tilge gänzlich aus deinem Blut
den Namen der Hölle.
Niemand glaubt dir das Wort –;
und das, was dich brennt,
weiß allein seinen eigenen großen Namen,
der erschütternder ist als alle Zeichen am Himmel.


Lavant selbst sah ihre Kunst als »verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist, unverzeihbar« und war sich der poetischen Kraft ihrer Gedichte dennoch gewiss: »Wenn ich dichtete, risse ich jede Stelle Eures Daseins unter Euren Füßen weg und stellte es als etwas noch nie von Euch Wahrgenommenes in Euer innerstes Gesicht«.

Der erste Band der vierbändigen Werkausgabe versammelt alle zu Lebzeiten publizierten Gedichte in einer komplett neu edierten Fassung. Er enthält neben den drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben (»Die Bettlerschale«, »Spindel im Mond«, »Der Pfauenschrei«), auch das Frühwerk »Die unvollendete Liebe«, Lavants späte, in Liebhaberausgaben und Sammelbänden veröffentlichte Lyrik (»Sonnenvogel«, »Wirf ab den Lehm«, »Hälfte des Herzens«) sowie zahlreiche verstreute Gedichte, die hier erstmals wieder zugänglich gemacht werden.

Christine Lavant
Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte
Hg. und mit einem Nachwort von Doris

Moser und Fabjan Hafner
€ 38,00 (bestellen)

Dilek Mayatürk

ist eine neue weibliche Stimme in der türkischsprachigen Lyrik – stark, verletzlich, wütend.

 

Nach Dir

Schlug ich wie ein Blitz in mein eigenes Leben ein.

Zuerst war ich ein Lichtschein, ich freute mich

Danach fiel es mir schwer, mir selbst zu Hilfe zu kommen.

Nach dir

Fielen mir im Schlaf stets die Zähne aus

Jeden Morgen wurde mein Gesicht frisch verknotet

Mit einem unsichtbaren Faden nähten sie meine Lippen zu

So verstummte ich dann eben.

In einem falschen Lächeln liegt jetzt meine ganze Freundlichkeit

Wie eine billige Anstecknadel habe ich es in mein Gesicht gehakt.

Nach dir ist mir kein Ort geblieben, zu dem es mich hindrängt,

Und nichts, was mich antreibt.

Der Zweig eines Baums ließ mich an dich denken,

Jetzt stell du dir vor, wie der Wald aussieht.

 

 

Ihre Gedichte sind Aufforderungen, nicht in Coolness zu erstarren. In ihren Texten fließt rotes Blut, manche pochen vor Schmerz, Wut und Liebe – ungebrochen und ungeschützt, aber in Worten gebändigt. Trennung, Verlust, die eigene Herkunft werden hier verhandelt, aber auch das aktuelle politische Geschehen in der Türkei, mit all seinen Implikationen für die eigene Biografie. Mit „Brache“ beschreibt Mayatürk die zwei Jahre, in denen sie dabei war, Ihren Freund und späteren Mann Deniz Yücel zu verlieren, den Journalisten, der sich für die Gezi-Bewegung stark gemacht hatte und deshalb wegen angeblicher Propaganda für eine Terrorgruppe in Untersuchungshaft auf seine hohe Strafe wartete – sie heiratete ihn im Gefängnis. Mit „Brache“ beschreibt sie die zwei Jahre nicht beackerter Erde (quasi die Berlinzeit), in der der Boden in Ruhe gelassen wird…

 

Dilek Mayatürk
Brache, übersetzt von Achim Wagner

€ 20,00 (bestellen)

Emily Dickinson

ist eine der berühmtesten angelsächsischen Dichterinnen. Ihre unerschrockene Herzenserforschung, ihr zauberspruchhafter Ton und ihr sprachlicher Eigensinn sind einzigartig. Weltweit werden ihre Verse, obwohl schon 150 Jahre alt, zu Recht als moderne Lyrik gelesen.

Wundersam dies Meer – still ziehn Segel her-

Auf! Lotse! Auf!

Kennst du das Ufer nicht

Wo keine Welle bricht –

Wo Sturm beschwichtigt ist?

Stillem Westen zu

Finden Segel Ruh –

Anker sitzen fest.

Dahin leit ich dich –

Ewigkeit in Sicht!

An Land zuletzt!

Die erste deutsche Gesamtausgabe von Emily Dickinsons rund 1800 Gedichten zeigt die ganze Vielfalt ihrer Themen, ihren Einfallsreichtum im Formalen und ihre überraschende Entwicklung. Ihr lyrisches Werk kam zu früh für ihre engstirnige puritanische Umgebung in den USA. Kein Wunder, dass Dickinson ihre Zeitgenossen auf Distanz und ihre Lyrik unter Verschluss hielt – ihre Gedichte sind voller Ketzerei und Spottlust, ihr Werk mutig, frei und radikal im Nachdenken über die Grundfragen unserer Existenz. Die Übersetzerin Gunhild Kübler zeichnet im Nachwort ein Bild vom Leben dieser großen amerikanischen Dichterin.

 

Emily Dickinson
Sämtliche Gedichte
übersetzt von Gunhild Kübler
€ 49,90 (bestellen)

Wislawa Szymborska

Kurz vor ihrem Tod im Februar 2012 hat die polnische Dichterin und Nobelpreisträgerin  mit ihrem deutschen Übersetzer Karl Dedecius noch einen Gedichtband zusammengestellt, der auf Deutsch erscheinen sollte. Diese Auswahl von Gedichten aus den Jahren 2005 bis 2011 ist zu ihrem Vermächtnis geworden.

 

Perspektive

 

Sie gingen aneinander vorbei wie Fremde,

ohne eine Geste,

ohne ein Wort,

sie auf dem Weg in den Laden,

er zum Auto.

Vielleicht in Panik

oder zerstreut

oder nicht mehr wissend,

daß sie sich kurze Zeit

für immer geliebt haben.

Übrigens ist nicht garantiert,

daß sie es waren.

Von weitem vielleicht ja,

aus der Nähe aber nicht.

Ich sah sie vom Fenster aus,

und wer von oben schaut,

kann sich leicht irren.

Sie verschwand hinter der Glastür,

er setzte sich ans Steuer

und fuhr schnell davon.

Das heißt, nichts ist geschehen,

selbst wenn.

Und ich, nur einen Moment lang

sicher, was ich sah,

versuche jetzt in einem Gelegenheitsgedicht

euch, den Lesern, einzureden, das

sei traurig gewesen.

 

»Szymborska ist ein Phänomen der Unwiederholbarkeit, ganz gleich, ob wir die Trauer, den Tiefsinn oder den wunderbaren Humor ihrer Gedichte auf uns wirken lassen«, sagte Karl Dedecius, der Freund und Übersetzer der Dichterin. Den staunend-ungläubigen Blick auf das Leben, jenes Spiel mit ungelernten Regeln – ihn hat sie bis zuletzt in jedem Gedicht neu ausprobiert. Aus den Kinderfragen nach dem Hier und Anderswo, nach dem Gewesenen und dem Möglichen formt sie Gebilde von berührender Aufrichtigkeit. Der Band mit Gedichten aus den Jahren 2005 bis 2011 wurde noch mit Wisława Szymborska zusammen geplant.

 

Wisława Szymborska
Glückliche Liebe und andere Gedichte

€ 18,95 (bestellen)

Helga M. Novak 

Solange solch Gedichte von Helga M. Novak als „Liebesbriefe“ noch eintreffen…wie könnten wir verloren sein….

 

solange noch Liebesbriefe eintreffen
ist nicht alles verloren
solange noch Umarmungen und Küsse
ankommen und sei es in Briefen
ist nicht alles verloren
solange ihr noch in Gedanken
nach meinem Verbleib fahndet
ist nicht alles verloren

 

Diese zwei Bände vereinen Helga M. Novaks gesamtes lyrisches Werk, vom ersten Gedichtband über die Bücher, die den Rang der großen Lyrikerin begründeten und über die Jahrzehnte bestätigten: Ballade von der reisenden Anna, Colloquium mit vier Häuten, Balladen vom kurzen Prozess, Margarete mit dem Schrank, Legende Transsib, Märkische Feenmorgana, Silvatica.

Helga M. Novak
Solange noch Liebesbriefe eintreffen
Gesammelte Gedichte
Zwei Bände im Schuber
€ 48,00 (bestellen)

Mara-Daria Cojocaru, Ron Winkler 

Und nochmals Briefe: Sie sind einander kaum ein halbes Dutzend Mal begegnet, und doch haben sich die gefeierte Dichterin Mara-Daria Cojocaru und der renommierte Lyriker Ron Winkler über einen Zeitraum von gut zwei Jahren Briefe und Postkarten geschrieben.

 

Ich lebe heute als Frugant. Äpfel in der Farbe,

die vom Herbst abfällt. Firefox ist aktuell,

das Licht wie alte Zeitung. Ich lese

in mir einen Schnee, den man zu Himmel

rückbaut. There’s no tube to that, nur Wind,

nur Warten. Flughafenhunde links und rechts,

gebräunt von Kerosin. Ich lass sie ziehen,

weil sie zuweilen Tier sein können,

links von sich, rechts die Berührung

hinterm Ohr.

 

Aus purer persönlicher wie literarischer Lust am dialogischen Schreiben. Du weißt nicht, wie schwer es geworden ist, einen Brief zu verschicken erlaubt einen Blick in diese außergewöhnliche Korrespondenz: Texte, die weder rein prosaisch Alltäglich- und Befindlichkeiten austauschen noch vollendete Gedichte sein wollen.

Vielmehr sprechen sie über die Distanz zwischen München oder London und Berlin zum Gegenüber, antworten assoziativ auf dessen Gedanken-, Sprach- und Schriftbilder und entfesseln so ein lyrisches Zwiegespräch. Spielerisch, spontan und auf launige Weise voller Welt. Den Band runden Reproduktionen der fantasievoll gestalteten Briefe und Umschläge sowie ein Nachwort von Matthias Kniep ab.

Ron Winkler
Du weißt nicht, wie schwer es geworden ist, einen Brief zu verschicken

Poetische Korrespondenzen mit Mara-Daria Cojocaru
Limitierte Auflage 450 Exemplare
Mit lasergestanztem Einband. Mit zahlreichen farbigen Reproduktionen auf 16 Seiten.
152 Seiten. Lasergestanzte Broschur.
€ 48,00 (bestellen)

Maren Kames

So ungewöhnlich wie die Poesie ist auch die Gestaltung ihres Buches „Luna Luna“: weiße Buchstaben auf schwarzem Papier. Als Langedicht.

 

in meinen gloriöseren tagen bin ich ziemlich
lunar gewesen°
und wahnsinnig rastlos,
in den gliedern krachend u griffig,
im wipfel wild,
es rauschte,
ich genoss
und litt
zeitgleich,
immerzu,
ich lachte
harsch,
ich klebte
mir eine gans
aus pappmaché,
mit flügeln
und allem,
dann holte ich tief luft

„Luna Luna“ ist ein dunkler Text. Er ist rasant, rasend und atemlos und spricht von innen aus dem weit offenen Gaumenraum heraus. Es geht um die dünne Wand zwischen Traum und Trauma, um dünne Haut, um eine Gans aus Pappmaché und den Bären, den sich eine aufbindet, um sich gegen den Wind zu schützen. Ums Verlieren und Verletzen geht es. Um einen Krieg, der vielleicht nie stattgefunden hat und doch in jeder Pore präsent ist. Motive, Figuren und Sätze schubsen sich wie Autoscooter durch die Textgalaxie, beschleunigen, karambolieren, knallen gegen unsichtbare Banden, werden in schwarzen Löchern verschluckt. Und über allem hängt die Luna, ein Fixpunkt für die Höhe der Sehnsucht, leuchtend, wahnsinnig und selber rastlos. Eine Luna, die am Ende in einem Sturz aus ihrer Umlaufbahn heraus aufs Wasser fällt wie ein glühender Ofen.

Den Zweitling der Schriftstellerin Maren Kames schlicht als Buch zu bezeichnen, wird ihm nicht ganz gerecht. Die lyrische Mondfantasie „Luna Luna“ ist ein poetisch-musikalisches Gesamtkunstwerk: rasant, assoziativ und mit ganz viel Pop.

Maren Kames
Luna Luna

Gebunden ohne Schutzumschlag
Hochwertige Ausstattung
112 Seiten
€ 35,00 (bestellen)

Etel Adnan

Die Kosmopolitin gehört zu den wichtigsten Stimmen der arabischen Welt und gilt als Grande Dame der arabischen Literatur, stellt ihrem Buch „Nacht“ folgende Betrachtungen voran:

„Ich habe den Schlaf immer geliebt: seine Intimität, seine Abenteuerlichkeit. Die Nacht ist das Reich der Träume, und Träume sind die größten Expansionen unseres Geistes. Nacht ist eine samtene Erfahrung. Ihre Dunkelheit, selbst wenn sie vollkommen ist, besitzt ihr eigenes Licht. Ein Licht, das manche Tiere besser kennen als wir. Es handelt sich auch um eine Welt, wo die Sicht, wenn es sie gibt, am größten ist. Dies ist das Gewebe des interstellaren Raums. Dem, was das Universum ist, am nächsten. Ich denke oft darüber nach, wie die Menschheit wohl wäre, wenn sie bei Nacht gelebt hätte. Wenn sie das blendende Licht unserer Tage durchschlafen hätte. Vielleicht wären wir der Liebe gegenüber sensibler gewesen. Wer weiß? Vielleicht könnte dies ein zukünftiger Weg sein. Wer weiß? Ich bitte euch, heute Nacht nicht zu schlafen. Geht hinaus. Nicht nur in dieser Nacht, sondern in vielen Nächten, nacheinander. Fahrt nur bei Nacht. Setzt euch an einen Fluss, an den Rhein, an die Elbe, den Amazonas, und lauscht ihm … Bei Nacht leben, heißt, mit dem Ohr leben, und das Auge wird folgen, sogar noch mehr sehen. Und die Ohren und die Augen eurer Seele werden das Wohlwollen einer Welt entdecken, die sich von der unterscheidet, die ihr kennt, und euch zu Reisen mitnehmen, die sich die Imagination noch nicht vorgestellt hat.“

„Nacht“ ist ein Poem aus Gedankensplittern…jeder Gedanke kann einzeln und für sich stehen. „Wir leben bei Tag und mein Gefühl ist, dass wir das Mysterium der Nacht verloren haben.“ Für Etel Adnan ist die „Wirklichkeit aus Nacht gemacht“: ein Text, bestehend aus Erleben, Erkenntnis und Vorahnung. „Ich sagte euch, ich bin die Nacht. Aber niemand bemühte sich herauszufinden, was das heißt.“

 

Etel Adnan
Nacht Gebunden mit Schutzumschlag
€ 20,00 (bestellen)

…cela devrait suffire pour ce mois … jusqu’en mai !

 

…und bitte um Verzeihung für die diesmalige Frauenlastigkeit…ich sorge für Ausgleich…bleiben sie gespannt und bleiben Sie bitte auch – nicht nur trotz sondern gerade wegen Corona – dem lokalen, inhabergeführten Buchhandel treu!

 

Gerne liefere ich auch gegen Rechnung auf dem Postweg, ab 30 € versandkostenfrei! Ein Bestellformular finden Sie hier.

 

Und noch ein Typ wie man diese Zeiten zu guten Zeiten machen kann: Ein guter Kunde und ausgesprochener „Viel-Leser“ sagte mir, auf meine Frage, wann er denn all das lese…: „derzeit gibt es keine Zukunft, und auch keine Gegenwart…in die Vergangenheit will ich aber nicht…deshalb verliere ich mich derzeit in der Literatur“…eine gute Überlebensstrategie in diesen Zeiten, wie ich finde…

Mit einem frohen Gruß aus Tübingen,

sehr herzlich, eure/Ihre 

 

Ulrike Geist

Newsletter vom März 2021

Manchmal wird wahr, was wir wünschen….

 

und mein Wunsch, eine Lyrikbuchhandlung zu eröffnen ist wahr geworden. Ich war nach vielen Jahren, die ich auf der anderen Seite der Buchproduktion als Verlagsredakteurin und Herausgeberin eines Kulturmagazins verbracht habe, verrückt genug, nochmals ganz von vorne zu beginnen und in Tübingen diese kleine, poetische Buchhandlung zu eröffnen – was ich bisher noch keinen Tag bereut habe.

Über Lyrik lässt sich jedoch kaum Schreiben, denn In ihr wird Sprache selbst zu Wirklichkeit und weist weit über die Funktion der Kommunikation oder des Erzählens hinaus. Die Lyrik hat nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit, sondern sie ist immer zweckfrei, dient keinem „um zu“, sondern ist um ihrer selbst willen da, wie so Vieles, worauf es in Wahrheit ankommt. Und so bin ich überzeugt, dass Lyrik gerade jungen Menschen heute etwas geben kann, was sonst in der Welt kaum mehr zu finden ist.

 

Lyrik ist nicht nur Herzstück der Literatur, sondern Herzensangelegenheit

 

Lyrik ist das Herzstück der Literatur. Aufs engste verdichtet erscheint in ihr, was Romane und Erzählungen über viele Seiten entwickeln müssen. Gewissermaßen trotzt Lyrik der scheinbar unabdingbaren Linearität, in die unsere Gedanken gezwungen werden, wenn wir sprechen. Sie schafft die Möglichkeit, allein durch die Versstruktur, und durch eine Art Mehrstimmigkeit das zu erzeugen, was wir sonst nur von der Musik kennen.

Gerade die zeitgenössische Lyrik, die einen der Schwerpunkte in meiner Buchhandlung bildet, gehört zu den aufregendsten Kunstformen unserer Zeit, und sie ist kaum sekundär oder digital zu erfahren. Poesie braucht konkrete Orte, um uns dafür zu öffnen.

Es sind Momente wie diese, um die es mir geht: Ein junger, suchender Mann Mitte zwanzig, kaufte sich Celans Gedichte, mit denen er bisher nur in der Schule in Berührung gekommen war und setzte sich vor seinem Theaterdienst auf die Flussmauern am Hölderlinturm. Er kam wieder, um zu bezahlen und erzählte mir, wie sehr Celan ihn berührt habe. Eine neue Welt, auch eine Orientierung, vielleicht auch eine Identifikationsmöglichkeit hatte sich ihm aufgetan. Ich schenkte ihm antiquarisch Bachmanns Gedichte dazu mit den Worten, „wer Celan sagt, muss auch Bachmann sagen…“ er will wieder kommen und mir berichten…

 

 

Eine Buchhandlung allein für die Lyrik, kann nicht nur dazu da sein, Bücher zu verkaufen; Sie ist immer zugleich auch ein Ort der Begegnung, der Kommunikation, des Neuen und der Neugier darauf. Man findet hier etwas, was man nicht gesucht hat, nicht suchen konnte…

 

Lyrik akustisch

 

Noch ein Tipp an dieser Stelle: Lyrik kann gelesen werden, wird jedoch noch wirksamer, wenn sie erhört wird. Dies ist auch ganz Corona-konform möglich auf Lyrikline.org einem Projekt vom Haus für Poesie in Kooperation mit den internationalen Netzwerkpartnern, und selbst Ingeborg Bachmanns Gedicht „hotel de la paix„ (Lyrikline.org) kann dort mit dem Klang ihrer eigenen Stimme vernommen werden. Vor Ort wird auch in der Lyrikhandlung am Hölderlinturm Poesie wieder hörbar in Form von Veranstaltungen, sobald derlei auch „Menschenansammlungen“ verursachendes Tun wieder möglich sein wird.

Eine meiner Lieblingsautorinnen ist derzeit und immer noch Nadja Küchenmeister…

 

unter dem wachholder

unter dem wacholder liege ich und träume dir zu.
ich erinnere mich. wir berühren uns nicht. keine 
scham. kein nervenflattern reicht an mich heran.

keine gewaltigen stürme, die sonst immer nahen
nahen. trockne ich die netzhaut ab, mein ganzes 
leben lang? vielleicht singe ich auch oder falte

die hände über dem bauch und warte. etwas betet 
in mir. wer in die wüste geht zum sterben, der kann 
sterben oder unter dem wacholder noch den rest vom

leben erben: in der bibel käme jetzt ein engel zu elia 
aber hier? rette, was es noch zu retten gibt. ich träume 
von sternen, träume von dir, wie von einer wasserquelle.

 

Mit einem frohen Gruß aus Tübingen,

sehr herzlich, eure/Ihre 

 

Ulrike Geist

Lyrikhandlung am Hölderlinturm

Ulrike Geist

Bursagasse 15

72070 Tübingen

07071/5667171

Mail: info@lyrikhandlung.de

www.lyrikhandlung.de